Möhnekatastrophe erstmals deutsch gesehen. Bilderschau im Bomber Command Centre in Lincoln, Lincolnshire
„Nach mir die Sintflut“

Bildschirmfoto: Auf Instagram weist das International Bomber Command Centre auf die Ausstellung in Lincoln, Lincolnshire hin.
Mit einem Urlaub fing alles an
Da haben sich mit den Urlaubern Bernd und Elke Husemann und Gastwirt Greg Algar drei gefunden und auf Anhieb verstanden – und sie haben den Grundstein gelegt für einen anderen Blick auf Deutschland. Das ist hier ihre Geschichte, und sie ist deshalb gut, weil sie von Menschen wie Dir und mir erzählt. Von einem Funken, der in allen glimmt: Einfach mal die Hand reichen und sich an einen Tisch setzen.

Vor Greg Algars Wirtshaus in Scampton stellten sich Gäste aus Möhnesee und Gastgeber aus Scampton bei ihrem Besuch 2024 zusammen. · Fotos: Privat. Freundeskreis Scampton.
Kein offizieller Pomp
Die Geschichte kommt auch aus ohne offiziellen Pomp: In Möhnesee ist die Politik eher zurückhaltend. Es könnte Geld kosten, es braucht Personal, noch eine Gemeindepartnerschaft zu beschäfern. In England hat sich das Fernsehen drauf gestürzt: Die Deutschen kommen. Und diesmal in Frieden. Ist das nicht schön? Der Rat der Grafschaft hat Grüße und Geschenke geschickt und Erinnerungsmedaillen. Ein Stein aus Möhnesee liegt jetzt im Band der Erinnerung im International Bomber Command Centre in Lincolnshire. In England schaut man nicht nur auf die Bomberpiloten, von denen nicht viele heimkehrten von ihrer Mission. Man schaut auch auf die Katastrophe, die die Bombentreffer auslösten. Man schaut, und das ist das Schöne überhaupt: Man schaut auf die Menschen. Auf das, was sie bewegen können, wenn sie sich einfach mal an einen Tisch setzen.
Zum 81. Jahrestag des Angriffs auf die Sperrmauer gab es in der Dorfkirche von Scampton einen Gottesdienst mit Live-Schalte auf die Sperrmauer. Dort gab es im Südturm eine Veranstaltung der Aktion „Candle in the Wind“, ins Leben gerufen von der britischen Militärangestellten Pam Flora.
Besondere Bilderschau in Lincolnshire
Ab dem 6. Oktober 2026 bis zum 28. Februar 2027 gibt es jetzt eine ganz besondere Bilderschau in Lincolnshire: „After me the flood“ (Nach mir die Sintflut, Anm. d. Red.) Dr. Lena Lewald als Leiterin des Gemeindearchivs hat Bilder geschickt: Zig Aufnahmen aus zwei umfangreichen privaten Sammlungen wurden eingescannt und als Bilddateien rauschten sie über die Datenautobahn nach England. Sie zeigen, wie Deutsche die Katastrophe durch die Kamera gesehen haben. Die Nachricht steht seit einigen Tagen auf Instagram, wirbt für diesen anderen Blick auf den Flug der Dambusters.

In Möhnesee bereitet sich der private Freundeskreis Scampton auf einen Besuch dort vor. Bernd und Elke Husemann freuen sich drauf. Die ehemalige Bürgermeisterin Maria Moritz auch. Sie war privat mit beim Steinverlegen. Freunde aus Ense und der Region freuen sich ebenso. Und Dr. Lena Lewald vom Gemeindearchiv. Sie kann weiter helfen, wenn jemand sich für die Arbeit des Freundeskreises interessiert. Elke Husemann in Körbecke hilft auch gerne.
Erinnerungen an siegreiche Zeiten
Zurück nach Scampton hoch oben in England: Dort betreibt Greg Algar seit 2009 die “Dambusters’ Inn”. Die Wände des Gasthauses sind voll von Erinnerungen an siegreiche Zeiten. Vom Rollfeld nebenan flogen 1943 Bomberpiloten los, um Nazi-Deutschland in die Knie zu zwingen: Ein Angriff auf die Sperrmauern in Westfalen und Hessen sollte die Infrastruktur nachhaltig stören. Angst und Schrecken sollten die Bevölkerung mürbe machen, den Führerstaat über Vertrauensverlust und Widerstand von innen her zerbröseln. Möhne, Eder, Sorpe, Lister, Ennepe, Diemel waren die Ziele.

Zwei Angriffe gelangen: Die Sperrmauer in Günne brach – eine Flutwelle mit 100 Millionen Kubikmetern Wasser brachte Tod und Verderben bis tief ins Ruhrgebiet. In Günne wurden Soldaten und Zivilisten im Schlaf erwischt. Bei Neheim und Himmelpforten ertranken Zwangsarbeiterinnen, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. Viele fortgerissene Menschen blieben vermisst. Um die 1600 Menschen starben eines fürchterlichen Todes.
Auch die Edertalsperre brach, dort walzten 160 Millionen Kubikmeter durch Eder- und Fuldatal. Es gab 47 Tote.
Es gibt da einen Funken
Die „Möhne-Katastrophe“ prägt die Erinnerungskultur – und natürlich schauen die Briten auch 80 Jahre nach Kriegsende anders auf den 17. Mai als die Deutschen. Allerdings: Es gibt da diesen Funken, diesen inneren Antrieb, den Feind von einst zu umarmen, die Hand zu reichen zu einem „Wir müssen gemeinsam die Zukunft gestalten, damit so etwas nie wieder möglich wird.“

Greg Algar, er umarmte seine unerwarteten Gäste aus Möhnesee, und es entwickelten sich, auch mit Hilfe von Möhneseeschullehrer Meinolf Padberg und anderen Begeisterten Kontakte von Körbecke nach Scampton. Schüler schrieben sich Briefe, schickten einander Videos, zum 80. Jahrestag gab es einen Lauf der Erinnerung parallel auf der Sperrmauer und in Scampton, dazu eine Live-Schalte per Video.
Bürgermeisterin Maria Moritz unterstützte die Kontakte, lud Greg Algar und seine Freunde aus Scampton ins Rathaus ein, als die ganz privat nach Deutschland gereist waren, um die Heimat von Bernd und Elke Husemann, um die Staumauer in Günne kennenzulernen.

„Für mich war das hier sehr, sehr wichtig, ich musste das einfach tun“, hatte mir Greg Algar damals am Tisch im Rathaus erzählt. Ich habe nachgelesen, was er mir alles so schnell aufzählte, dass ich es gar nicht alles notieren konnte: William Thew Mayson, sein Großvater mütterlicherseits, hatte laut BBC Digital Archive als Navigator und Bombenschütze auf Flugzeugen des Typs Lancaster und Mosquito 20 Angriffe geflogen auf Berlin, daneben auch auf Köln, Hamburg, Dortmund, Düsseldorf, München, Mannheim, Nürnberg, Bremen und Kassel. Sein Vater Harold Keith Mael „Harry“ Algar war Bombenschütze bei der 463 Squadron der königlichen Luftwaffe und flog laut seinem Flugbuch unter anderem am 13. Februar 1945 auf Dresden und am 4. April 1945 auf Nordhausen. Greg selber war nicht bei der Air Force, aber er hat die Erinnerungen und Berichte vom Großvater und vom Vater aufgesogen wie ein Schwamm. „Never aigain“, betonte er: Nie wieder.
Der Freundeskreis Scampton legte einen Gedenkstein ins Band der Erinnerung im Command Centre in Lincoln, Lincolnshire. Eine besondere Ehre sei das gewesen, hatten Elke Husemann und Maria Moritz nach ihrer Rückkehr von dem anrührenden Moment erzählt.
KOMMENTAR
Wer oder was immer Regie geführt hat, als Greg Algar und Bernd und Elke Husemann sich erstmals im Gasthaus trafen: Aus dem zarten Pflänzchen Freundschaft darf sehr gerne noch viel mehr werden, aus dieser ersten spontanen Bereitschaft, sich hinzusetzen und zu reden und zuzuhören. Wenn man die Aktiven machen lässt und sie deutlich unterstützt, kann das gelingen, liebe Politik. Jeder Cent, der in die Freundschaft zu Wintzenheim in Frankreich fließt, ist gut investiert, weil er in eine gemeinsame Zukunft investiert. Jeder Cent, der in eine Freundschaft zwischen Scampton und Möhnesee fließt, ist bestens investiert. Denn es gilt: Lieber an einen Tisch setzen, gemeinsam reden, essen, trinken. Wir müssen nicht kriegstüchtig werden. Wir müssen gesprächstüchtig sein. Wir müssen bereit sein, noch eine Stunde mehr zu reden. Immer und überall. Das zu fördern, immer und überall, das darf uns allen nicht zu teuer und zu lästig sein. Nie und nirgends.
Thomas Brüggestraße
Eine gerahmte Grußadresse des Bezirksrats Stephen Bunney (2023 bis 2025 im Amt) vom West Lindsey District Council in England. Das repräsentative Amt kommt einem stellvertretenden Landrat gleich.) · Foto: privat. Eingeblocktes Bild: Lincolnshireworld.com

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