Körbecker Elias Raddatz will Musicaldarsteller werden
Große Sprünge in Berlin?

Berlin/Körbecke – Mal ehrlich: Es ist arschkalt nachmittags um fünf am 12. Februar. Und für Elias Raddatz ist es auch ein Kaltstart, wenn er jetzt zwei, drei Mal pendelt vor dem Brandenburger Tor, so ungefähr auf der Höhe vom Hotel Adlon, und dann zum Glockensprung ansetzt. Noch einmal und noch einmal — und noch einmal. Er reckt sich, macht sich groß und stößt die Fersen aneinander. Hoch genug? Gestreckt genug? Waren die Hacken zusammen? Hat der Ausdruck gepasst? Immer wieder schauen Leute interessiert, was das denn wohl werden könnte.
Neugierige Zuschauer? Ganz prima! Für den 19-jährigen Elias ein Ansporn, den nächsten Sprung noch ein Stück perfekter hinzubekommen. Das Kopfsteinpflaster vor dem Brandenburger Tor, es wird zur Bühne — und die liebt der Körbecker über alles, wie er später im Café gegenüber vom Adlon erzählt: Die Bühne soll sein Leben werden, er will staatlich anerkannter Musicaldarsteller werden, studiert dafür in der Hauptstadt an der Universität der Künste.
„Empty Chairs at Empty Tables“ aus dem Musical „Les Misérables“ habe er dafür bei der Aufnahmeprüfung im April 2024 in Berlin vorgesungen, Toms Monolog aus Tennessee Williams‘ Familiendrama „Glasmenagerie“ vorgetragen und aus „Grease“ vorgetanzt. „Hier hat‘s geklappt“, ist Elias Raddatz glücklich: „Vorher an der Folkwang-Uni in Essen, da bin ich durchgefallen. Ein Feedback habe ich nicht bekommen, aber nach dem Tanzen war ich raus. Gut, das muss man dann verarbeiten und sich wieder aufrichten. In Berlin bin ich angenommen worden.“

Im Karneval am Möhnesee, da kennt man den inzwischen 19-Jährigen schon lange als gelenkigen Tänzer in der Tanzgarde der Körbecker Karnevalsgesellschaft (KKG), eine ganze Zeitlang mit Teresa Eckhoff als Partnerin. Schon mit fünf Jahren habe es ihn gepackt, als ‚Pumuckl‘ sei er mit auf der Bühne gewesen und die Begeisterung habe ihn nie mehr losgelassen, erzählt er: „Ich mag diesen Nervenkitzel, es ist vor jedem Auftritt aufs Neue aufregend. Ich liebe es, auf die Bühne zu kommen, ich liebe diesen Rollentausch, Emotionen zu transportieren, so dass es die Menschen im Publikum berührt.“ Elias macht eine Pause, überlegt, und sagt: „Ich fühle mich privilegiert, dass ich das hier machen darf und ich weiß, man muss hierfür brennen: Man sieht es Dir an, wenn Du nicht mit voller Leidenschaft dabei bist.“
Als zweiter Junge nach Marc Gröne tanzte sich Elias in Körbecke bis hinauf in die Showtanzgarde — wer 2024 bei der Kostümparty in der Möhneseehalle war, wird den grandiosen Auftritt der jungen Damen und von Elias Raddatz noch genauso in bester Erinnerung haben wie der junge Neu-Berliner selber.
Mit glänzenden Augen erzählt er: „Als Tanzmedley war das angelegt, mit Elementen von ‚A Chorus Line‘, von ‚Footloose‘, alles einstudiert mit Petra Eckhoff, Nina Lütkenkemper und Melanie Vorrath als Trainerinnen. Emma Fürstenberg war meine Tanzpartnerin – wir alle waren nicht nur auf der Bühne, wir haben auch den ganzen Raum vor der Bühne für die Show ausgenutzt. Das war neu. Die Leute in der Halle waren begeistert. Wir selber, wir waren einfach nur glücklich, es war ein toller Auftritt. Danke an die Trainerinnen.“
Musikalische Familie
Singen, Musik machen? „Wir sind eine musikalische Familie. Im Feuerwehrmusikzug habe ich Posaune gespielt. Gesangsunterricht habe mit 15 begonnen, ich singe heute Bariton.“ Viele werden Elias Raddatz noch kennen aus den Musical-Projekten „Proko Eins-Sieben“ (2017), „Es lebe die Freundschaft“ (2018) und „A Million Dreams“ (2019), einstudiert mit Robert Raddatz und Anna Bornhoff. Vielleicht auch aus „Kinder der toten Stadt“, einem Musiktheaterprojekt gegen das Vergessen der KZ-Gräuel, das 2020 die Soester Gymnasien im TuK in Bad Sassendorf aufgeführt haben. Fünf Jahre und eine Pandemie später soll aus der Leidenschaft für die Bühne eine Karriere werden: Mit 23 will Elias Raddatz den Abschluss in der Tasche haben.
Wie er sich eingelebt habe in Berlin? „Ich bin jetzt seit November hier. Berlin ist groß, ich habe längst noch nicht alles gesehen. Die Uni ist jetzt meine Welt.“ Ein typischer Tag an der Uni? Elias: „Morgens drei Stunden Tanzen. Ballett und Jazz. Dann bin ich erst mal platt. Duschen. Essen. Es gibt Vorgekochtes. – Ja, das mit Kochen, Waschen, das ganze Drumherum, alles in einer 19-Quadratmeter-Wohnung in Kreuzberg, eine halbe Stunde U-Bahn und Bus von der Uni entfernt, das musste ich alles erst mal lernen. Ist eine Umstellung. Ging aber besser als gedacht.

Und es gibt nicht nur Instant-Suppen. Nachmittags dann Einzelunterricht. Einmal die Woche gibt‘s Klavierunterricht. Zweimal die Woche Gesang. Sprecherziehung. Musiktheorie und Musiktheatergeschichte gehören auch mit dazu — es ist eine ganze Menge. Dreimal die Woche haben wir drei Stunden Zeit mit den Dozenten, das hat eher Laborcharakter.“
„Wir“, das sind Anna aus Kärnten, Michel und Felix aus Stuttgart, Fenna aus Hamburg, Katharina aus Linz, Solen aus Lausanne und eben Elias. Gemeinsam haben sie die Aufnahmeprüfung geschafft, gemeinsam wollen sie wachsen von Semester zu Semester. „Mit ihnen ist es wie mit einer kleinen, zweiten Familie“, sagt Elias. Mit ihnen geht es auch gleich zum Musical ins Theater des Westens, weshalb das Treffen am Brandenburger Tor auch schon wieder vorbei ist: „‘Kudamm 59‘ – unsere Pilates-Lehrerin Lisa spielt selber mit im Ensemble und hat uns Freikarten besorgt.“
Körbecke? „Bin ich nicht mehr so oft. Aber Karnevalsdienstag, da bin ich dabei. Dann sehe ich auch die ganze Familie wieder. Meine Geschwister. Und meine Truppe, ‚Dai Unwiesen Jäusters‘.“
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