Zwei, die ungenannt bleiben möchten, laden zum Gedenken. Ein stiller Protest
Besondere Einladung zum Wochenmarkt

Heidenau? Blanker Unsinn. In Körbecke sollen beim Markt am 1. Oktober Blumen auf die Stolpersteine am Kirchplatz gelegt werden: Hier geschah es. Hier gedenkt man und mahnt: Nie wieder.
Heidenau macht fassungslos
CDU und die AfD beschließen dort gemeinsam das Aus für die Stolpersteine, die an die Opfer von Terror und Gewaltherrschaft in den dunkelsten „tausend“ Jahren deutscher Geschichte erinnern sollen. Sie stoßen damit nicht nur dem Künstler Gunter Demnig vor den Kopf, entwerten die Idee, die hinter dem Projekt steht. Sie entwerten das ganz besondere Andenken: Stolpersteine liegen, wenn es eben machbar ist, immer exakt dort, wo man Frauen und Männer jeden Alters und auch die Kinder und Jugendlichen oft mitten in der Nacht aus ihren Wohnungen und Häusern gezogen hat. Weil sie Juden waren. Um sie später wie Vieh in Eisenbahnwaggons zusammengepfercht in Vernichtungslager zu karren.
Stolpersteine an Ort und Stelle
Stolpersteine liegen an Ort und Stelle, um mitten im Alltag immer wieder daran zu erinnern: „Nie wieder!“ Gunter Demnigs Überzeugung, so formulierte er es im Pressegepräch vor drei Jahren in Körbecke: „Man darf nicht aufhören, darauf hinzuweisen: Nie wieder!“ Dafür reist der Senior durch die Republik, rührt Mörtel an, kniet sich hin und verlegt die Steine.
Gunter Demnig kniet vor den frisch verlegten Stolpersteinen. · Fotos: Thomas Brüggestraße
Gehört Gedenken nur auf den Friedhof?
Man könne doch nicht einfach über die Namen der Menschen auf den Stolpersteinen hinweglaufen. Das finden Menschen in Heidenau an der Oberelbe. Deshalb solle es künftig keine Stolpersteine mehr in Heidenau geben, sondern alles gehöre auf einen zentralen Gedenkort auf den Friedhof.
Einen entsprechenden Antrag brachte die Bürgerinitiative Oberelbe für mehr Demokratie (BOD) ein. Die BOD wird von der Sächsischen Zeitung beschrieben als „eine lokale Wählervereinigung, die insbesondere mit ihrem Widerstand gegen den geplanten Industriepark Oberelbe bekannt wurde.“
Der Antrag wurde von Stadträten der BOD, CDU und AfD unterzeichnet und als interfraktioneller Antrag behandelt.
► Heidenau ist eine Kleinstadt in Sachsen, direkt südöstlich von Dresden zwischen Dresden und Pirna an der Elbe. Sie gehört zum Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge und hat rund 16.500 Einwohner auf etwa elf Quadratkilometern. Eine bekannte Sehenswürdigkeit ist der Barockgarten Großsedlitz.
Die parteilose Bürgermeisterin Conny Oertel hatte mit ihrer Verwaltung empfohlen, den Antrag abzulehnen. In ihrer Vorlage steht ausdrücklich: „Die Stadtverwaltung empfiehlt daher, dem Antrag in der vorliegenden Fassung nicht zuzustimmen.“ Die Begründung: Ein Gedenkort auf dem Friedhof könne die Erinnerung an den früheren Wohn- und Wirkungsstätten der Opfer ergänzen, aber nicht ersetzen.
Der Stadtrat von Heidenau beschloss am 24. September 2026:
„Der Stadtrat der Stadt Heidenau beschließt eine Gedenkfläche für die Opfer von Krieg, Terror, Diktatoren, Vertreibung und insbesondere des Nationalsozialismus in Heidenau, vorzugsweise auf der bestehenden Gedenkfläche des Heidenauer Nordfriedhofs zu integrieren oder zu schaffen. Die Integration hat so zu erfolgen, dass ein direktes Betreten der Gedenkelemente ausgeschlossen ist. Dadurch soll ein würdevolles Gedenken an die Opfer von Krieg, Terror, Diktatoren, Vertreibung und des Nationalsozialismus gewährleistet werden. Eine Verlegung von sogenannten „Stolpersteinen“ im öffentlichen Straßen- und Gehwegbereich wird künftig abgelehnt.“
Abstimmungsergebnis in geheimer Abstimmung: 13 Ja-Stimmen, 6 Nein-Stimmen und 1 Enthaltung.

Appell: Am Markttag Blumen niederlegen
Heidenau ist weit weg. Unverständnis und Empörung wogen allerdings durchs ganze Land. „Man muss sich schämen, dass so ein Beschluss überhaupt möglich ist“, so haben sich zwei Möhneseer an MöhneReport gewandt. Sie möchten nicht genannt werden, weil das weitere Gedenken an die jüdischen Familien in Körbecke und Möhnesee unbedingt im Vordergrund stehen solle. Sie laden ein, am nächsten Wochenmarkttag, am Donnerstag, 1. Oktober, zu vielen zum Haus am Kirchplatz zu kommen, dort still und ohne großes Aufsehen Blumen niederzulegen an den beiden Stolpersteinen für die Familie Meyerhoff. Anschließend könne man sich auf dem Wochenmarkt oder am Rand des Wochenmarkts zum Reden treffen. Um die Erinnerung wach zu halten, um ein Zeichen zu setzen.
Der Künstler Gunter Demnig entwickelte das Stolperstein-Projekt 1992/93. Die ersten 25 Steine des Projekts verlegte er am 4. Januar 1995 in Köln. Sein Anliegen: den von den Nationalsozialisten verfolgten und ermordeten Menschen ihre Namen zurückzugeben und dort an sie zu erinnern, wo sie gelebt haben. Die kleinen Messingtafeln im Gehweg machen ihre Schicksale im Alltag sichtbar. Quelle: Stolperstein-Projekt, Projektgedanke.
Europaweit ist das Projekt nach aktuellen Berichten auf rund 128.000 Stolpersteine angewachsen (Stand: September 2026). Verlegt werden sie von Demnig und weiteren Beteiligten. Quelle: Deutschlandfunk.
In Körbecke verlegte Demnig am 18. Dezember 2023 persönlich die ersten beiden Stolpersteine auf Gebiet der Gemeinde Möhnesee. Vor einem früheren Wohn- und Geschäftshaus Am Kirchplatz und gleich gegenüber der Pfarrkirche Sankt Pankratius erinnern sie an Meyer, genannt Max, und Henriette Meyerhoff, die als jüdische Bürger von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Die Geschichte weiß: Der Angriff auf die Familie, die im Ort integriert und geachtet war, sie war nicht nur ein Fall antisemitischer Verblendung, es ging auch um Habgier und persönliche Bereicherung. Die politisch neuen Zeiten kamen da gerade passend. Noch gibt es Zeitzeugen, die genau das wissen.
Wie die Stolpersteine wahrgenommen werden
Gunter Demnigs Stolperstein-Projekt hat weit über Deutschland hinaus Anerkennung gefunden. Der Künstler erhielt 2005 das Bundesverdienstkreuz und 2019 den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen. Sein Projekt wurde 2012 mit dem Marion-Dönhoff-Förderpreis für internationale Verständigung und Versöhnung ausgezeichnet; 2024 erhielt Demnig den Arnold-Bode-Preis der Stadt Kassel. Quellen: Biografie, Marion-Dönhoff-Preis, Stadt Kassel.
Nach Angaben der Stiftung liegen Stolpersteine in 31 europäischen Ländern. Örtliche Initiativen, Schulen und Angehörige tragen die Erinnerungsarbeit mit. Für manche Familien schaffen die Steine einen Ort des Gedenkens an Angehörige, deren Grab fehlt. Die Schriftstellerin Helen Epstein beschrieb im US-Magazin Time, wie sie durch Stolpersteine an ihre ermordeten Familienmitglieder erinnert. Quellen: Stolperstein-Stiftung, Helen Epstein in Time.
Wie daraus lebendige Erinnerungsarbeit wird, zeigt Soest: Rund um den Holocaust-Gedenktag am 27. Januar ziehen jährlich Schulklassen und Schülergruppen los, um die Stolpersteine zu reinigen. Im Unterricht beschäftigen sie sich mit den Menschen hinter den Namen; an den Steinen legen sie beispielsweise Blumen nieder oder stellen Kerzen auf. Anschließend werden die Jugendlichen im Rathaus empfangen und erhalten ein offizielles Dankeschön für ihr Engagement.
Die Form des Gedenkens ist dennoch nicht unumstritten. Charlotte Knobloch, Holocaust-Überlebende und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, kritisiert, dass auf die in den Boden eingelassenen Namen der Opfer getreten werden kann, und bevorzugt Tafeln und Stelen. Den Heidenauer Beschluss gegen weitere Stolpersteine kritisierte sie gleichwohl: Erinnerung aus dem Stadtbild zu verdrängen, sei der falsche Weg. Quelle: Knoblochs Position in der taz.
Franz Giese (links mit Blume) ist Zeitzeuge und zeitlebens ein Mahner gegen Hass und Hetze. Hans Jungmann (rechts daneben) sammelte für die Info-Tafel, die ein Jahr später gegenüber des Hauses an der Hecke zur Kirchwiese aufgestellt wurde.
2023: Zwei Steine holen die Erinnerung zurück
Ein Gummihammer, zwei Messingtafeln und ein Ort voller Geschichte: Am 18. Dezember 2023 verlegte Gunter Demnig vor dem Haus am Kirchplatz in Körbecke die ersten Stolpersteine der Gemeinde Möhnesee. Sie erinnern an Meyer, genannt Max, und Henriette Meyerhoff, die hier lebten und eine Metzgerei betrieben.
Körbecker Franz Giese ist noch ein Zeitzeuge
Unter den etwa 40 Anwesenden zur Verlegung war Franz Giese. Er hatte miterlebt, wie die angesehenen jüdischen Nachbarn abgeholt wurden. Nun legte er eine weiße Rose an den Stolpersteinen nieder, ergriffen, noch immer erschüttert: „Sowas, das vergisst Du nie“, erzählt er immer wieder.
Live-Schalte nach New York
Eine Verbindung an diesem kühlen Vormittag reichte sogar bis nach New York: Über Meinolf Padbergs Handy verfolgte Shi Hong Aldin die Gedenkstunde. Ihr verstorbener Mann Peter Aldin war der letzte Überlebende der Familie Meyerhoff. Gerührt sah sie zu, wie Körbecke an seine Familie erinnerte – unmittelbar vor deren früherem Zuhause.
Info Tafel ergänzt das Andenken
Im folgenden Jahr, 2024, ergänzte eine Infotafel die Stolpersteine am Körbecker Kirchplatz. Den Anstoß dazu gab Hans Jungmann, der bereits die Verlegung der Steine angeregt und Spenden gesammelt hatte. Gemeindearchivarin Dr. Lena Lewald erschloss Fördermittel für noch ungedeckte Kosten. Paula und Georgina, damals beide 16 Jahre alt und Schülerinnen der Möhnesee-Schule, sie enthüllten die Tafel und putzten die Stolpersteine. Mit selbst geschriebenen Texten warben sie für Frieden, Respekt und Mitgefühl – und dafür, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Die Tafel erzählt die Geschichte der Familie Meyerhoff; QR-Codes führen zu weiteren Informationen über ihr Schicksal.

Auch Interessant

Aktuell, Politik
„Ich kandidiere!“ – Lohnt sich das?

Aktuell, Rathaus
Neues Amtsblatt: Windenergie und Schutzgebiete

Aktuell, Termine, Wirtschaft
Humanoide Robotik live beim wfg.EffizienzDialog

Aktuell
Stiftung BWT schüttet rund 30.000 Euro aus

Aktuell, Leute, Vereine
MöMent mal …

Aktuell, Leute
Bunte Drachen und Jubel über die Bonbonfähre

Aktuell, Politik
Pöpsel: Was Merz für die Einsatzkräfte tun will



